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Ist die Subsistenzwirtschaft Ursache von Armut in ländlichen Regionen?

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Ist Selbstversorgung rückständig?

Die Subsistenzlandwirtschaft – der Anbau von Nutzpflanzen und die Haltung von Tieren zur Selbstversorgung – wird heute von Staaten, Saatgutproduzenten, Agrochemiekonzernen und Welthandelsorganisationen als rückständig angesehen – als ineffizient und als Ursache von Armut in den ländlichen Regionen des Südens. Tatsächlich aber halten in den Ländern des Südens die meisten Bauern mit guten Gründen an der Selbstversorgung fest. Sie garantiert ihre Ernährungssicherheit besser als reine Marktproduktion oder Lohnarbeit.

 

Um Exporteinnahmen aus der Landwirtschaft zu erzielen verpachten deshalb Regierungen in den Ländern des Südens oft  grosse Landflächen an ausländische Agrokonzerne – mit dramatischen Folgen für die einheimischen Bauern.

 

75% der Bauern leben von Selbstversorgung

In Ruanda ist dies zwar nicht der Fall. Das sehr fruchtbare Land ist zu dicht besiedelt, und es eignet sich aufgrund der hügeligen Topografie nur bedingt für mechanisierte Produktion. Dennoch will die Regierung bis 2020 die Subsistenzlandwirtschaft durch eine vollständig monetarisierte, exportorientierte Landwirtschaft ersetzen. Nur eine kommerzielle Landwirtschaft mit ertragsmaximierenden Sorten, unter dem Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln könne die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen und den Bauern jenes Einkommen verschaffen, das ihnen den Ausweg aus der Armut erlaube. Doch obwohl die Regierung mit dem Bau von Strassen und der Subventionierung von Kooperativen die Hinwendung zur kommerziellen Landwirtschaft fördert, produzieren immer noch 75% aller Bauern mehrheitlich für die Selbstversorgung.

 

Was sind die Gründe für dieses Festhalten an einer angeblich obsoleten Wirtschaftsform?

In Ruanda leben 80% der Einwohner von der Landwirtschaft. Die durchschnittliche bewirtschaftete Fläche beträgt weniger als 1 ha pro Haushalt. Subsistenzorientierte Haushalte bauen auf diesen Flächen viele verschiedene Nutzpflanzen an – von Hirse über Bohnen, Tomaten und Blattgemüse bis zu Süsskartoffeln, Maniok und anderen stärkehaltigen Wurzelpflanzen. Damit ahmen sie die natürliche Artenvielfalt nach und können meistens auf den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln verzichten. Auch Haushalte mit wenig Land können so eine ausgewogene Ernährung sicherstellen, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen. Haushalte mit genügend Land können neben der eigenen Nahrung auch für den lokalen oder regionalen Markt produzieren.

Monokulturen erschöpfen den Boden

Jene Haushalte, die vollständig auf die Marktproduktion setzen, beschränken sich auf ein Produkt – beispielsweise Bohnen, Kartoffeln oder Mais – und setzen Düngemittel und Pestizide ein, da Monokulturen den Boden rasch erschöpfen und gegenüber Krankheiten und Schädlingen empfindlicher sind.

 

Haushalte mit weniger als einem halben Hektar Land setzen vorwiegend auf Subsistenzproduktion. Sie können das finanzielle Risiko der Marktproduktion nicht eingehen, ohne das Überleben des Haushaltes aufs Spiel zu setzen. Die Subsistenzproduktion verschafft ihnen jenes Mass an Ernährungssicherheit, das es ihnen erlaubt, anderweitig unternehmerisch tätig zu werden. Haushalte, die mehr als einen halben Hektar besitzen, können sich das Risiko leisten, in grösserem Umfang kommerzielle Landwirtschaft zu betreiben. Aber nur Haushalte mit mehreren Hektaren können es riskieren, zugunsten der Marktproduktion ganz auf eigene Subsistenzproduktion zu verzichten.

  

Die Dominanz der Subsistenzlandwirtschaft in Ruanda erweist sich so als Strategie von Kleinbauern, zuerst die eigene Ernährung sicherzustellen, bevor sie auch für den Markt produzieren. Die geringe Durchschnittsgrösse der bewirtschafteten Parzellen bewirkt, dass der Anteil der Subsistenzproduktion insgesamt sehr hoch bleibt. Würden auch die Kleinstbauern ganz auf kommerzielle Landwirtschaft setzen, würde das damit eingegangene Risiko tendenziell dazu führen, dass sie ihr Land bei Missernten oder niedrigen Marktpreisen zum Überleben verkaufen müssten. Ihnen bliebe nichts anderes übrig, als schlecht bezahlte Landarbeiter zu werden oder in die Städte auszuwandern. Damit würden die sozialen Spannungen auf dem Land und in den Städten zunehmen, denn gut bezahlte Arbeit gibt es für diese Menschen weder auf dem Land noch in den Städten.

 

Statt die Subsistenzproduktion als rückständige Wirtschaftsform anzusehen, sollte deshalb ihr Potenzial für eine ökologisch und sozial nachhaltige Wirtschaft wahrgenommen und gefördert werden. Eine subsistenzwirtschaftliche Basis für Viele bedeutet nicht nur eine Verminderung des Migrationsdrucks in die Städte und in die Länder des Nordens, sondern auch ein sozial und kulturell reichhaltiges Leben auf dem Land. Die kommerzielle Landwirtschaft soll diese Strukturen nicht zerstören, sondern auf ihnen aufbauen.

  

Angesichts der demographischen und ökonomischen Verhältnisse Ruandas sollte die Regierung die Subsistenzproduktion der Kleinbauern als wesentlichen Beitrag zur Ernährungssicherheit des ganzen Landes begrüssen. Aufbauend auf dieser Grundlage kann eine angepasste kommerzielle Landwirtschaft gleichzeitig den Wohlstand von Kleinbauern und die Ernährung der städtischen Bevölkerung sichern helfen.