«Mehr Geld, mehr Wohlstand?»

Sinnkrise zur Zeit der Reformation: Johannes Pistorius d. J. (1546–1608)

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Wir kennen heute diese radikalen Wechsel im Lebenslauf. Da findet ein kirchenferner Karrierist plötzlich den Sinn seines Lebens auf dem Jakobsweg. Oder ein Wurstfabrikant wandelt sich zum überzeugten Vegetarier. Scheinbar bedenkenlos geben Menschen in einer Krise alte Beziehungsnetze auf und fangen wieder von vorne an. Sie glauben, das sei ein modernes Phänomen? Von wegen. Ich erzähle Ihnen ein Beispiel aus dem 16. Jahrhundert.

Während wir uns heute prächtig darüber streiten, wie viel Sport Alzheimer verhindert und ob unsere Zukunft im Zeichen von Atomstrom oder Solarenergie stehen soll, gab es für den Menschen der Reformation nur eine entscheidende Frage: Wie komme ich ins Himmelreich? Das Leben war kurz und unsicher, der Tod allgegenwätig. Johannes Pistorius hatte das schon als Kind lernen müssen.

Sein Vater gehörte zu den bedeutendsten Theologen der damaligen Zeit. Er verdiente gut, führte eine glükliche Ehe, und trotzdem starben innerhalb von nur drei Wochen die fünf Geschwister des kleinen Johannes an der Pest. Die Mutter kam wenige Monate später durch einen tragischen Unfall ums Leben.

Nichts ist im Leben wichtiger als den richtigen Weg zu gehen, um in den Himmel zu finden, das muss der kleine Johannes verinnerlicht haben. Und das werden ihm auch die vielen Theologen gesagt haben, die bei seinem Vater ein und aus gingen. Der kannte sie alle, Luther, Melanchthon, und jene, die damals für die Reformation kämpften, und deren Namen wir längst vergessen haben.

Netzwerk der Protestanten

Es war ein funktionierendes Netzwerk. Die protestantischen Geistlichen hielten zusammen. Sie sorgten dafür, dass ihre Kinder untereinander heirateten, und liehen sich gegenseitig Geld, um die Ausbildung des zukünftigen Schwiegersohns zu finanzieren. Auch Johannes Pistorius bekam Geld und eine Braut, und zwar aus einer bedeutenden Frankfurter Theologendynastie. Zu gerne hätte er selbst auch Theologie studiert, doch das durfte er nicht. Sein Vater wollte einen Mediziner in der Familie. Zu prägend war der Verlust all seiner Kinder durch die Pest.

 

Vielleicht machte das den jungen doctor medicinae in den Augen der anderen protestantischen Geistlichen zu einem Außenseiter. Jedenfalls wurde er vom Vorgesetzten seines Vaters verdächtigt, Calvinist zu sein. Das konnte damals den Tod bedeuten. Gut, dass sein Vater erhebliche Autorität besaß. Er stellte sich schützend vor seinen Sohn. Johannes Pistorius hatte vielleicht den Fehler begangen, all zu offen und neugierig zu sein und keine Vorurteile zu haben.

 

An der Universität hatte er nämlich auch Katholiken kennengelernt. Er war sogar mit einigen Jesuiten eng befreundet. Mit ihnen wird er diskutiert haben. Über Medizin. Über die Altertumswissenschaften. Ja, auch über Theologie.

 

Die Streitgespräche werden ihn dazu veranlasst haben, die umfangreiche Bibliothek, die er nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1584 geerbt hatte, eifrig zu konsultieren. Schließlich wollte er immer schon Theologe sein. Er soll in einem Jahr alle Werke Luthers durchgelesen und dabei gemerkt haben, dass der große Reformator sich häufig selbst widersprochen hatte. Und wie viele Unterschiede gab es erst zwischen den Thesen Martin Luthers und den Überzeugungen der Theologen, die Luther für sich in Anspruch nahmen!

 

Johannes Pistorius war intelligent. Und er war unabhängig. Er erkannte, dass Luther auch nur mit Wasser gekocht hatte. Das war nicht der alleingültige Weg zum Paradies. Aber seine Frau war eine überzeugte Protestantin, genau wie all seine Verwandten, seine Kollegen, sein Dienstherr, seine gesamte Umgebung...

 

Doch am 8. April 1585, kein Jahr nachdem er seinen Vater verloren hatte, starb seine Gemahlin. Mit zitternder Hand schrieb Johannes Pistorius ins Familienbuch: Gestorben ist meine innig geliebte Ehefrau und, weil sie meine Frau ist, meine Wonne und mein Leben.

Zurück zur Theologie

Pistorius meinte, was er schrieb. Der Tod seiner Frau riss eine Lücke und stürzte ihn in eine tiefe Lebenskrise. Was nutzte all sein Wissen über die Medizin, wenn er an seiner eigenen Frau gescheitert war? Er kehrte zurück zur Theologie und fühlte seinen ursprünglichen Verdacht bestätigt: Luther hatte leichtfertig mit den Katholiken gebrochen. Der Papst war das von Christus selbst eingesetzte Oberhaupt der Kirche. 

 

Uns mag diese Erkenntnis gleichgültig sein. Für Pistorius hieß es, dass er alles aufgeben musste, was ihm lieb und teuer war. Seine Verwandten, seine Kollegen, seinen Dienstherrn, seine alten Freunde. Nichtsdestotrotz gewann er durch die Krise nach dem Tod seiner Frau die Kraft, sein ganzes altes Leben hinter sich zu lassen, um das zu tun, was er für richtig befunden hatte. Er konvertierte.

 

Was dann geschah, ist schnell erzählt. Pistorius wurde zum großen Gegenspieler der Protestanten und Reformierten. Sie hassten ihn dafür, dass er ihre eigenen Thesen so gut kannte. Er besiegte sie in jedem Streitgespräch! So blieb ihnen nichts übrig, als ihn zu verachten, weil er nicht studiert, sondern sich seine Kenntnisse selbst erarbeitet hatte. 

 

Die Katholiken aber liebten ihn. Sie lasen begeistert seine Bücher. Pistorius fand viele Freunde und Verehrer. Der Kaiser selbst ehrte ihn mit den höchsten Ämtern.

 

Pistorius ging auf in seiner neuen Tätigkeit als Kämpfer für die katholische Sache. Geheiratet hat er nie mehr. Er ließ sich zum Priester weihen und war sich sicher, so den Weg zur Seligkeit garantiert zu haben.