«Geld: ein Versprechen?»

Was regiert, wenn Geld die Welt regiert?

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Dagobert Duck

Lieber Herr Sommer,

«Geld regiert die Welt», sagt der Volksmund. Wenn man in die Welt blickt, ist das ja eine traurige Wahrheit. Überall herrschen die sogenannten «ökonomischen Sachzwänge» und verdrängen alles Menschliche. Können die Philosophen da einen Ausweg weisen? Wie denken Sie über Geld?

Martha U.-Z., Deutschland

Was regiert, wenn Geld die Welt regiert?

Liebe Frau U.-Z.,

an großen Worten herrscht kein Mangel, wenn wir über Geld sprechen. Unser Leben scheint es fest im Griff zu haben; nicht einmal aus unseren intimsten Beziehungen können wir es auf Dauer ausklammern: Beim ersten Date wird die Frau oder die Mann noch selbstverständlich zur Rechnung greifen, die Zeche bezahlen und begütigend abwinken, wenn der andere protestiert.

Aber dieses Abwinken ist dann nicht mehr am Platz, wenn zwei Liebende beschließen, ihr Leben gemeinsam zu führen. Da muss gerechnet, Soll gegen Haben abgewogen werden. Da bricht die Wirklichkeit der Ökonomie ins Intime ein. Die (wenig philosophische) Frage, ob sich’s rechnet, stellt sich bei fast allem – selbst wenn wir die Zeche beim ersten Date bezahlen und meinen, dies sei eine gute Investition in die Zukunft oder doch immerhin in ein Abenteuer. Können wir uns menschliche Kommunikation nur als Tausch- und Austauschverhältnisse vorstellen?

Geld ist ein (übrigens erst vor rund 2'500 Jahren erfundenes) Mittel, unterschiedlichste Dinge miteinander in Beziehung zu setzen. Denn was haben ein Abendessen, ein amouröses Abenteuer, eine Altersrente, eine Eisenbahnfahrkarte und ein goldener Ring gemeinsam außer eben, käuflich zu sein? Aber wie steht es um den Wert des Geld, das uns als Äquivalent sämtlicher Dinge erscheint, mit denen wir in unserem Leben konkret etwas anfangen können? Wenn wir Banknoten, Münzen und Sparbücher betrachten, finden wir an ihrer materialen Gestalt nichts, was ihren Wert verbürgt. Nur Papier oder unedles Metall halten wir in Händen.

Und doch ist es uns in seiner wertlosen äußeren Gestalt, selbst als etwas bloß Virtuelles, das wir per Kreditkarte von unserem Konto abbuchen, lieber als irgendein konkretes Ding, eben weil wir darauf vertrauen, dass wir es gegen Beliebiges eintauschen können. Auf diesem Vertrauen beruht das Funktionieren des Geldes, auf der Übereinkunft, es als Äquivalent realer Dinge zu akzeptieren. Der Eindruck, dass Geld die Welt regiere, rührt daher, dass scheinbar alles in Geld ausdrückbar, in Geldverhältnisse übersetzbar ist.

Näher besehen jedoch regiert das Geld nicht, sondern es ist ein Medium, ein Mittel, mittels dessen die Menschen Dinge aufeinander beziehbar, miteinander verrechenbar machen. Geld macht das Unvergleichbare vergleichbar. So betrachtet ist Geld etwas sehr Menschliches, etwas, was uns hilft, uns in der Welt zurechtzufinden, indem es sie vereinfacht. Ein Irrtum liegt nur da vor, wo wir diesem Medium zutrauen, wirklich restlos alles mit allem in Beziehung zu setzen – gemeinsamer Nenner aller Dinge zu sein. Dies vermag das Geld ebensowenig wie die höchsten philosophischen Begriffe. Der Tod und das Leben zum Beispiel sind mit Geld nicht auszudrücken und nicht aufzuwiegen – sie können nicht in Geldverhältnisse übersetzt werden. Diese Einsicht erzieht uns zu Gelassenheit gegenüber der vermeintlichen Allmacht des Geldes. Und zu Nüchternheit gegenüber der Leistungskraft menschlicher Erfindungen.