«Publikationen zur Geldgeschichte»

Weltwährung vor dem Denar: Die Tetradrachmen Alexanders des Großen und seiner Nachfolger

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Mein Name ist Ursula Kampmann, und ich bin Numismatikerin. Heute werde ich Ihnen den dritten Teil der Geschichte unseres Geldes erzählen. In diesem Podcast stelle ich Ihnen die erste wirklich überregionale Währung des Mittelmeerraumes vor.

 

Sie erinnern sich bestimmt. Alexander der Große eroberte das Persische Reich. Das tat er natürlich nicht allein. Sein Heer bestand zum größten Teil aus Söldnern. Die kamen nicht nur aus Griechenland, sondern der ganzen damals bekannten Welt. Und wie Söldner nun mal so sind, sie wollten regelmäßig und gut bezahlt werden. Das war für Alexander ein kitzliges Problem. Als er im Mai des Jahres 334 den Hellespont überschritt, standen den 70 Talenten in seiner Kriegskasse rund 200 Talente Schulden gegenüber. Dazu verfügte Alexanders Heer über Lebensmittel für nur 30 Tage. Alexander war also zum Erfolg verurteilt. Der Feldzug war so konzipiert, dass er sich selbst finanzieren musste.

 

Das funktionierte. Der Sieg am Granikos brachte genug Beute, um ein paar Monate weiterzukämpfen. Die Eroberung von Sardeis bezahlte Alexanders Schulden. Und die in Damaskus lagernden 2.600 Talente ermöglichten es ihm, Söldner im großen Stil anzuheuern. Aber erst mit der Einnahme des persischen Mutterlandes waren Alexanders finanzielle Probleme für den Rest seines Lebens gelöst. In Susa erbeutete er 50.000 Talente, in Persepolis 120.000 und in Ekbatana 180.000.

 

Die persischen Könige hatten nämlich über ein ausgefeiltes Steuersystem verfügt. Jahrhundertelang brachten die unterworfenen Völker die Überschüsse ihrer Provinzen in die königlichen Schatzhäuser. Ausgegeben wurde nur wenig. Die Provinzen waren für ihre Infrastruktur und ihre Verteidigung zuständig. Finanzielle Hilfe aus den königlichen Schatzhäusern hatte es für den Feldzug gegen Alexander nicht gegeben. Nun diente das persische Gold Alexander, weitere Eroberungen zu machen.

 

Alles wurde eingeschmolzen und zu Goldstateren und silbernen Tetradrachmen ausgeprägt. Denn so ein Feldzug war teuer. Moderne Historiker rechnen, dass das Heer Alexanders pro Tag 20 Talente kostete. 20 Talente entsprechen 120.000 Drachmen bzw. 30.000 Tetradrachmen.

 

Tetradrachmen, Silbermünzen zu vier Drachmen, waren zur Zeit Alexanders die wichtigsten Münzen im internationalen Handelsverkehr. Jeder Söldner kannte sie und nahm sie gerne an. Deshalb ließ Alexander diese Münzen überall dort ausprägen, wo Truppen stationiert waren. In welcher Stadt sie entstanden, sieht man an den kleinen Beizeichen auf der Münzrückseite. Der Pflug hier zum Beispiel steht für die Stadt Tarsos. Auf dieser Münze weisen die griechischen Buchstaben DA auf Damaskus hin. Und diese Münze aus dem ägyptischen Memphis zeigt eine Rosenblüte.

 

Münzen wie diese fluteten die griechische Welt. Sie kamen mit den Söldnern. Sie kamen als Geschenke Alexanders. Sie kamen als Stiftungen an die Götter. In jeder Stadt kursierten diese Münzen. Sie waren geradezu allgegenwärtig.

 

Und wenn nach dem Tod Alexanders eine Stadt oder ein Herrscher eine Münze prägen wollte, von der man sicher sein konnte, dass sie in der ganzen griechischen Welt gerne genommen wird, dann prägte man eine Münze vom Alexandertyp. Hier ein paar Beispiele: Diese Münze gab Philetairos von Pergamon heraus. Sie erkennen das an dem Bild Athenas, der Hauptgottheit der Stadt. Diese Münze entstand mehr als 130 Jahre nach Alexanders Tod in der Handelsstadt Rhodos. Sie zeigt das Stadtwappen, die Rose, und die Anfangsbuchstaben der Münzstätte. Und diese Münze ließ Mithradrates VI. zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. in Odessa prägen. Sogar die Kelten stellten Nachahmungen der Tetradrachmen Alexanders her. Ein Beispiel dafür ist dieses Stück.

 

Mehr als 200 Jahre lang waren Münzen vom Alexandertyp die internationale Währung. Viele Städte prägten sie, aber dazu gaben sie auch Münzen mit ihren eigenen Münzbildern für den lokalen Markt heraus.

 

Sehen Sie den Unterschied zwischen den Tetradrachmen Alexanders und den Tetradrachmen Athens? Die Tetradrachmen Athens zirkulierten, weil Athen so große Mengen an Tetradrachmen geprägt hatte. Aber bei dem Versuch, die unterworfenen Städte zu zwingen, Geld nach dem Athener Vorbild zu prägen, scheiterte die Stadt. Alexander dagegen gelang dies, ohne jeden Zwang. Seine Münzen hatten sich in so großer Zahl auf den Markt gedrängt, dass jeder sie gerne annahm, weil er sie kannte. Und das nutzten alle aus, die Fernhandel trieben, indem sie ihre Münzprägung an der Alexanders ausrichteten – und das freiwillig. Es gab keinen politischen Zwang, sondern nur ökonomische Vorteile.

 

Alexanders Tetradrachmen waren die wichtigste Währung in der griechischen Welt, bis sie von den römischen Denaren verdrängt wurden. Aber das ist eine andere Geschichte.