«Historische Karten»

Neues am Horizont der Freiwilligenarbeit

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Organisierte Nachbarschaftshilfe durch Zeitvorsorge

Freiwilligenarbeit – so die weltweit geltende Definition – ist unbezahlt. Keinesfalls ist es aber so, dass jene die es sich leisten können, unbezahlt tätig zu werden, nur eine Leistung erbringen und nichts dafür zurückbekommen. Die psychologische Forschung – dies gilt wieder weltweit – hat eindeutig gezeigt: Freiwilligenarbeit ist eine psycho-soziale Ressource, für den, der sie ausübt: Die Lebenszufriedenheit nimmt zu, der Gesundheitszustand kann länger auf einem guten Niveau gehalten werden und die soziale Einbettung wird als Bereicherung erlebt. Zusätzlich besteht die Möglichkeit Erfahrungen in gesellschaftlichen Bereichen zu sammeln, die einem ansonsten verschlossen bleiben. Man kann etwas «im Kleinen» verändern, was zusätzlich Wertschätzung erfährt und Zufriedenheit stiftet.

Trotz dieser positiven Aspekte ist es dennoch so, dass die Engagementquoten in jenen Ländern, wo sie umfassend registriert werden, «lediglich» zwischen 25% und knapp 50% liegen: Freiwilligenarbeit muss man sich leisten können. Dies gilt nicht nur in finanzieller Hinsicht. Die Freiwilligenarbeit muss in den Ausbildungs-, Karriere-, Familien- und Freizeitplan der Bürgerinnen und Bürger passen. Dies ist in zunehmend individualistischen Gesellschaften nicht einfach zu realisieren.

Auch wenn der Schweizer Freiwilligenmonitor ausweist, dass die Zahl der informell freiwillig Tätigen seit Jahren rückläufig ist, ist das bürgerschaftliche Engagement der Gesellschaft ganz sicher noch nicht ausgeschöpft. Was fehlt – und dies gilt insbesondere für die (organisierte und begleitete) Nachbarschaftshilfe – sind innovative Projekte, es fehlt an Phantasie für neue Engagementbereiche.

Das Projekt Zeitvorsorge mit gesamtschweizerischem Anspruch hat soziale Innovationskraft bewiesen.

Mitglied in einer Genossenschaft werden

Zeitvorsorge ist professionell organisierte Nachbarschaftshilfe. Bei einem Zeitvorsorgeverein oder einer Genossenschaft kann man Mitglied werden, um Unterstützung (keine Pflegeleistungen) anzubieten u/o in Anspruch zu nehmen. Die jeweiligen Tandems werden von Personen zusammengestellt, die in den jeweiligen Gemeinden oder Stadtquartieren die Bedarfe erfassen und auch die Zeitkonten der Mitglieder führen. Die Initiativen stehen am Anfang und so weiss man noch nicht genau:

  • wen konkret das Zeitvorsorgemodell anspricht,
  • ob das Angebot als Ergänzung wahrgenommen wird,
  • ob durch die besicherte Zeitvorsorge «neue Freiwillige» rekrutiert werden,
  • mit welchen Anbietern die Zeitvorsorge auf dem Markt der Nachbarschaftshilfe im Wettstreit steht und sicher auch,
  • ob es (gesundheitspolitisch betrachtet) Sparpotenziale und (gesamtgesellschaftlich gesehen) sozialen Wohlstand erbringt.

Was sich hingegen schon recht gut abzeichnet ist ein Aspekte, auf den hier kurz eingegangen werden soll und der eine neue Qualität im Rahmen der Freiwilligkeit andeutet: Zeitvorsorge schafft eine symmetrische Beziehung.

Bei dem Zeitvorsorgemodell KISS treten die interessierten Bürgerinnen und Bürger einer Genossenschaft bei und können dann, weil sie bspw. bedürftig sind im Hinblick auf Garten- oder Haushaltsarbeiten Unterstützung beanspruchen und gleichzeitig Unterstützung anbieten, weil sie beispielsweise rüstig und kulturell interessiert sind, um eine andere Person ins Theater oder Museum zu begleiten.

Die ersten Evaluationsergebnisse zeigen nun, dass jene Personen, die sowohl Geben als auch Nehmen deutlich zufriedener mit dem Modell sind, als jene, die nur als Gebende, oder als Nehmende involviert sind.

Eine solche symmetrische Beziehung ist in der so genannten klassischen Freiwilligenarbeit nicht vorgesehen. Hier ist es üblicherweise so, dass jemand, der es sich leisten kann unbezahlt tätig zu sein, jemandem hilft, der nicht in der Lage ist, diese «Leistung» auf dem Markt zu bekommen, oder aber diese Leistung nicht bezahlen kann.

Vergleichbar ist die Zeitvorsorge eher mit einem Tauschsystem, mit dem Unterschied, jedoch, dass ein Tauschring selbstorganisiert und nicht, wie die Zeitvorsorge, professionell organisiert ist. In Zeitsparprojekten besteht zudem ein Vorsorgegedanke und damit damit verbunden ein implizit bleibender oder explizit abgesicherter Generationenvertrag: Auf die heute angesparten Stunden hat der Zeitvorsorgende einen gewissen Anspruch, dass er die Zeitgutschrift später auch «einlösen» kann. Eine Verpflichtung derer sich die Initiatoren bewusst sein müssen.