«Historische Karten»

Theorie des Geldes – das Konzept

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Die Eigenschaften des modernen Geldes


Von Jürg Conzett

Geld gab es immer. Aber das Geld, so wie wir es heute kennen, existierte nicht schon immer und und schon gar nicht überall. Als Geld aufkommt, zum Beispiel in Form von Münzen, ist es lange Zeit nicht das, was wir heute als Geld kennen. Dazu wird es erst im Übergang zum 17. Jahrhundert. Die wirtschaftliche Entwicklung in Westeuropa führte damals von einem früheren Gebrauch von Geld zu demjenigen, den Geld heute hat. Es ist der Übergang, dass Geld nicht mehr nur am Rande des Wirtschaftens eine Rolle spielt, sondern die Hauptrolle darin übernimmt. Damit verändert sich grundsätzlich das Wirtschaften als auch das Geld selbst, mit dem gewirtschaftet wird. Inzwischen hat sich diese Art von Geld über die gesamte Welt verbreitet. 

Wir haben 12 Eigenschaften des heutigen Geldes identifiziert. Diese bilden eine Art Totalität, und «Geld» ist nur begreifbar in der übergreifenden Verbindung dieser Eigenschaften. Die ersten vier Eigenschaften bilden die Grundelemente von Geld, die zweiten vier Eigenschaften gehören ins Gebiet der Sozialwissenschaften, d.h wie Leute miteinander in Verbindung treten, und die restlichen vier Elemente gehören ins Gebiet der Ökonomie.

 

  • Geld ist Tauschmittel: das Mittel, um andere Dinge zu kaufen. Geld hat die Funktion, gegen etwas getauscht zu werden, was nicht Geld ist. Und grundsätzlich lässt sich jedes Ding, jede Tätigkeit, jedes reale Etwas kaufen – und kann so im Tausch gegen Geld zur Ware werden. Geld ist nur Geld, wenn und solange sich damit etwas von diesen Waren kaufen lässt. 

 

  • Geld ist Tauschwert: Geld ist der Wert, den wir für eine Ware von entsprechendem Wert bezahlen. Oder anders gesagt: Geldwert bemisst den Wert von Waren – ihren Tauschwert. 
  • Geldwert ist eine Menge ohne Substanz. Geld kann aus etwas bestehen, aber sein Wert besteht aus nichts. Geld hat als Wert keine Substanz. Das meiste Geld wird ohnehin auf Konten geführt. Die Zahl auf einem Konto bezeugt die Existenz einer bestimmten Menge Geldwert, aber diese Menge besteht für sich genommen in nichts weiter, als dass sie so bezeugt wird. Geld besteht als Wert allein in seiner Tauschfunktion. 
  • Geld braucht Macht. Weil Geld eine Menge ohne Substanz ist, wird es erst durch Macht zu Geld gemacht. Geld braucht eine Macht, die durchsetzt, dass diese Menge etwas zählt. Diese Macht sind die Staaten. Die Staaten schöpfen Geld als Währung, verbieten jede Geldschöpfung, die nicht ihrer Macht unterliegt, und schreiben die Verwendung von dem so geschöpften Geld vor. Das heisst, Staaten machen ihr Geld zum gesetzlichen Zahlungsmittel. Staaten zwingen die Menschen mit ihrer Macht dazu, Geld als Macht anzuerkennen: als die Macht, Waren dafür zu bekommen – das heisst, Kaufkraft zu sein. 
  • Mit Geld bezahlen Menschen immer Menschen. Wir zahlen Geld für etwas, aber immer an jemanden. Dass eine Ware etwas kostet, heisst immer, dass Menschen diese Bezahlung von anderen Menschen fordern. Geld setzt voraus, dass Menschen über die Dinge, die sie und andere brauchen, als Eigentum verfügen. In gewissen Ländern Asiens hat sich der Eigentumsbegriff nicht so weit entwickelt wie in Europa; dort wird es interessant sein zu beobachten, wie sich das Geld entwickelt. 
  • Geld bedeutet immer die Ausschliessung anderer Menschen. Geld schliesst Menschen von dem aus, was sie brauchen, damit sie es kaufen müssen. Von den Gütern, die es zu kaufen gibt, bleiben grundsätzlich alle Menschen ausgeschlossen, die kein Geld für sie bezahlen oder bezahlen können. Daher finden auch nur diejenigen Waren Verwendung, die einen Käufer finden, jemanden, der für sie Geld zahlt und zahlen kann. Waren, die keinen solchen Käufer finden, bleiben der Verwendung durch andere Menschen entzogen: sie werden vernichtet. 
  • Geld ist Verfügungsmacht über die Arbeit anderer. Geld bringt Menschen dazu, etwas zu leisten, wofür andere Geld bezahlen. Wir leben heute hauptsächlich von Dingen, die wir kaufen müssen. Dafür müssen wir zu Geld kommen. Um zu Geld zu kommen, muss jeder etwas an andere verkaufen: in der Regel etwas, was er leistet oder herstellt, oder im selteneren Fall etwas aus seinem Besitz. Meistens ist es die Arbeitsleistung der Menschen, was wir für Geld bekommen. Deshalb kann man auch sagen: mit Geld verfügen Menschen über Menschen. 
  • Geld fördert und bedingt Konkurrenz um Geld. Da jeder von anderen Geld bekommen muss, muss jeder um Geld konkurrieren. Und Geld kann jeder nur von anderen bekommen. So steht jeder mit dem, was er zu bieten hat und wofür er Geld zu bekommen versucht, in Konkurrenz zu diesen anderen – ausgenommen, er hat etwas als Einziger zu bieten. In Konkurrenz stehen auch Staaten zueinander. 
  • Geld wirkt als Denkform. Der Umgang mit Geld verlangt von uns, in Form von Geld zu denken. Das heisst: indem wir mit Geld umgehen, müssen wir seinen Wert denken. Je umfassender unser Umgang mit Geld, umso stärker der Reflex, in allem eine reine, leere Einheit, quantifizierbar, aber ohne Inhalt zu sehen. So universal alles für Geld zu haben ist, so universal legen wir diese Denkform auf alles – auch wo es nicht um einen Kauf geht. Nach dieser Denkform, die wir uns im Umgang mit Geld zu eigen machen, deuten wir die Welt. So denken wir etwa, dass alles in der Welt, jedes Ding, jedes Wesen, jede Tätigkeit letztlich mit allen anderen vergleichbar ist: etwas von der gleichen einen Einheit. Da müssen wir erst wieder lernen, dass nicht alles vergleichbar ist. 
  • Geld wird als Kapital verwendet. Geld muss, um als Geld zu dienen, mehr Geld werden. Denn um von Geld zu leben, muss man Gewinne – in Geld – machen. Eine Gesellschaft, deren Versorgung auf Geld basiert, lebt von Geschäften, die der Einzelne um Geld betreibt, egal ob in der Produktion von Waren oder dem Handel mit ihnen. Jedes Geschäft und jedes Unternehmen ist darauf angewiesen, Gewinn zu machen. Das muss in einer solchen Gesellschaft zwar nicht ausnahmslos, aber doch hauptsächlich gelingen. Das eingesetzte Geld muss als Kapital fungieren: als Geld, das mehr Geld abwirft. Das ist die Kapitalfunktion des Geldes.
  • Geld benötigt deshalb eine Finanzwirtschaft. Um die Kapitalfunktion des Geldes zu bedienen, braucht es Finanzpapiere. Geld braucht mehr Mehrwert, als der Verkauf von Waren abwirft. Diesem immer steiler ansteigenden Bedarf an Mehrwert können diejenigen Gewinne, die die Warenproduktion abwirft, auf Dauer nicht genügen. Gewinne, die man für später erwartet, lassen sich aber vorwegnehmen in Form von Wertpapieren; sie versprechen einerseits diesen Gewinn und können andererseits auch selbst schon als Wert gehandelt werden. Finanzpapiere werden durch Gewinnerwartung zu Geld, allerdings nur solange die Gewinnerwartung anhält. 
  • Geld als Kredit. Geld wird als Kredit geschöpft. Staaten schöpfen Geld nicht mit der Notenpresse, sondern indem sie den Banken zu einem bestimmten Zinssatz Kredit bei der Zentralbank einräumen. Alles Geldvermögen – bis auf das Bargeld – liegt bei Banken: Jeder, der bei Banken Geld auf einem Konto hat, leiht ihnen dieses Geld als Kredit, für das sie (meist) Zinsen zahlen. Das Geld reichen sie wiederum in Form von Krediten weiter an andere wirtschaftende Subjekte und fordern dafür Zinsen. Alles Geld ist damit schon doppelt vorhanden: als Guthaben des Kontoinhabers, der das Geld auf dem Konto «hat», und als Geld in den Händen des Kreditnehmers, der damit zahlen und seine Geschäfte machen kann.

Fazit

  • Das moderne Geldsystem, besser bekannt unter dem Namen Marktwirtschaft oder Kapitalismus, hat bis jetzt jede Krise überlebt. Der Grund liegt darin, dass die oben beschriebenen 12 Eigenschaften ein kohärentes System bilden, das extrem resistent ist.
  • Der Kapitalismus ist eine Erfolgsgeschichte, unterbrochen von periodischen Zusammenbrüchen. Ein Facharbeiter auf der Akropolis im alten Griechenland erhielt pro Tag 14 Gramm Silber. Ein Arbeiter in Zürich um 1900 erhielt für seine 10 Stunden Arbeit vier Mal mehr, d.h. 60 Gramm Silber bzw. zwei Taler oder 10 Franken. Heute sind 10 Franken der Mindestlohn für eine Stunde; die meisten verdienen ein Vielfaches. In den letzten 100 Jahren hat der weltweite Wohlstand enorm zugenommen.
  • Im 21. Jahrhundert stösst das System aber an Grenzen, die sich in «Krisen» offenbaren, d.h. in Problemen, die mit den traditionellen Mitteln nicht zu lösen sind: Erderwärmung, Migrationskrisen, soziale Unzufriedenheit, Land-Grabbing, Terroranschläge. All diese Krisen stehen mit unserem modernen Geldsystem in Zusammenhang. 
  • Das System mit Massnahmen zu reformieren, die auf einzelne Eigenschaften fokussieren – wie Vollgeld, Golddeckung, Transaktionssteuer –, wird fehlschlagen. Eine Reform müsste radikaler sein, um zu greifen. Die Frage, ob Geld gar abgeschafft werden könnte, kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Aber hier liegt der Schlüssel. Unser Geld ist historisch bedingt, könnte also wieder historisch abgeändert werden.