«Leit-Währungen - Leitfaden der Geschichte»

Der Untergang des Geldes

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Ob Vieh oder Muscheln oder schließlich Edelmetall – die Natur schuf jenes Mittel, das den kulturellen Austausch ermöglichte. Erst die Ausmünzung von Metall gab dem Geldstoff über die zu seiner Gewinnung eingesetzte Arbeit hinaus einen menschlichen Anstrich, der mit der Einführung von Papiergeld schließlich überwog: Der Mensch kann sich fortan seinen Geldstoff selber basteln. Die Entmaterialisierung, die die Abkehr von an sich wertvollen Tauschmitteln bedeutete, beunruhigte die frühneuzeitliche Geldtheorie. Wie sollte die Geldwertstabilität garantiert werden? Heute hat der Dollar als internationale Leitwährung das Edelmetall als Wertmaßstab für die Kaufkraft einer Währung abgelöst. Die Skeptiker haben bis zur derzeitigen Erholung des Euro keine Gelegenheit versäumt, auf dessen Verfall hinzuweisen. Mit ihm, so fürchten sie, kam am 1. Januar 2002 der Untergang einer stabilen Währung.

Sie haben recht, aber anders, als sie es vermuten ...

Der Untergang des Geldes

Die freiwillige Revolution

Sie haben recht, aber anders, als sie es vermuten. Das Lamento der Kritiker hat in seiner gegenwärtigen Form etwas Misanthropes, wenn nicht Anachronistisches. Warum noch um etwas streiten, was sowieso kommt? Die Antwort müßte uns weg vom Wechselkurs und hin zum Nachdenken über unser Verständnis von Geld führen. Das Streiten lohnt, weil die Einführung des Euro Deutschland verändern wird und zwar anders und gravierender, als in der bisherigen Diskussion behauptet wird. All die Grundsicherheiten, die wir mit Geld verbinden, werden in naher Zukunft entwertet sein. Und dies wird früher als anderswo in Deutschland geschehen. Die Einführung des Euro als alleinige Währung wird diese Entwicklung aber nicht etwa hervorrufen, sondern nur beschleunigen. Und es ist diese Beschleunigung, die den 1. Januar 2002 zu einem der bedeutendsten Daten in der Wirtschaftsgeschichte macht. Viele der Folgen der Einführung des Euro werden tiefe Einschnitte für die Gesellschaft bedeuten. Es ist also an der Zeit zu begründen, warum sich ein Land freiwillig solch einer Revolution aussetzt.

Denn nichts anderes ist die Einführung des Euro. Doch während alle historischen Revolutionen sich jeweils auf ein Land beschränkten, weil sie den nationalistischen Antrieb brauchten, um die drastischen Veränderungen zu legitimieren, ist das, was so subtil zur Einheitswährung verharmlost wird, gerade ein Schritt in die andere Richtung. Vielfaltswährung müßte der Euro heißen. Und das weniger seiner Zusammensetzung aus den alten Währungen der an ihm beteiligten Staaten wegen. Vielmehr deshalb, weil das neue Geld ganz unterschiedliche teilweise unvereinbare Interessen anspricht und dennoch Erfolg verspricht. Denn es erweckt qua seinem übernationalen Status den Anschein von Neutralität.

Krisenkind und Wohlstandssprössling

Das soll der Euro mit der D-Mark gemeinsam haben, der just dieses größte ökonomische Kunststück gelang: unanzweifelbar zu sein, weil sie stets nur im Dienst des gesamten Kollektivs Deutschland zu wirken schien. Die Herkunft der D-Mark aus der Krise ist indes eine ganz andere als beim Euro: Dessen Konzeption entstammt zwar ebenfalls jener Nachkriegszeit, als man im Geld einen geeigneten Ersatz für die diskreditierte nationale Idee sah. Doch die Ausformung in konkretes Geld, die Prägung der europäischen Währung, geschah im Überfluß des Wirtschaftsbooms der 80er-Jahre. Krisenkinder und Wohlstandssprößlinge haben wenig gemein. Erstere pflegen vorsichtiger zu sein, doch sie sind anfällig für Autoritätsgläubigkeit im Sinne einer reinen Lehre. Letztere sind selbstverständlicher im Doppelsinn des Begriffs: einmal im größeren Verständnis für die eigene Situation, die vor allem aus der Einbettung in die Gesellschaft resultiert; dann jedoch auch im sorglos-souveränen Umgang mit den Komponenten wirtschaftlichen Handelns. An D-Mark und Euro kann man diese Dispositionen modellartig ablesen.

Die Herkunft des Geldes ist eine Frage, die man behandeln muß, wenn man über seinen Untergang sprechen will. Vor allem ist verblüffend, woher das Geld nicht kommt: von den Göttern. Mit Hermes oder Merkur gab es zwar einen Gott des Handels, aber keinen Gott des Geldes. Es ist das einzige von Menschenhand geschaffene Gut, was Dauer besitzen sollte und nicht den Göttern zugedacht war. 

 

Das letzte Geld

Wie kann Geld jemals untergehen? Der Untergang droht, wenn seine Funktionen nicht mehr gebraucht werden. Und weil sich das Verständnis von Wert wandelt. Genau das geschieht derzeit. Die feste Größe, die einen Wert ausmacht, wird paradox. Dies, weil in einer dynamischen Ökonomie Stillstand Rückschritt bedeutet. Wert im traditionellen ökonomischen Verständnis und ganz besonders als in Geld fixierter Gegenwert bedeutet Nullwachstum. Gemeinhin muß Wert in der heutigen Wirtschaft Mehrwert schaffen. Das aber wird von Geld nicht geleistet, sofern es nicht produktiver Verwendung zugeführt wird und damit schon eine seiner Funktionen verliert: Wertaufbewahrungsmittel zu sein. Und gerade dieser Prozeß der schleichenden funktionalen Entwertung des Geldes ist für dessen Prinzip gefährlicher als etwa Inflation, als materielle Entwertung. Währungen können immer wieder reformiert oder durch andere Währungen ersetzt werden, solange nur das Prinzip anerkannt ist. Geld aber kann nur durch etwas ersetzt werden, was nicht mehr Geld ist.

Damit soll nicht behauptet werden, daß der Euro kein Geld wäre. Er ist das letzte neue Geld vor dessen Untergang. Die scheinbare Kontinuität des Prinzips erleichtert ihm seine ungewollte revolutionäre Tätigkeit. Tatsächlich aber spielt er dieselbe Rolle, die in «Moby Dick» die Dublone spielt: Sie ist Verheißung, weil sie vorgibt, einen Wert zu repräsentieren, der einer Leistung entspricht. Aber diese Leistung ist in ihren Wirkungen nicht abschätzbar, weil die Dublone nur einen winzigen Aspekt innerhalb eines großen Kontextes belohnt: die Sichtung des weißen Wals. Was für Folgen die Leistung haben wird, kann im Münzwert nicht berücksichtigt werden.

Die Folgen des DM-Mythos

Die Deutschen leben seit einem halben Jahrhundert und noch einmal vermehrt seit 1990 mit dem Mythos der D-Mark. Das hat die Vorbereitung der Umstellung auf den Euro gerade hierzulande wesentlich erleichtert. Zwar bestehen Verlustängste, doch es gibt keine negativen Erfahrungen mit Währungsumstellungen. Schon die Rentenmark, die im Herbst 1923 die große Inflation beendete, war im Gegensatz zu den meisten seitdem in aller Welt durchgeführten Währungsschnitten erfolgreich. Diesem Phänomen erst verdankte die D-Mark ihre Akzeptanz und nun profitiert von dieser kurzen deutschen Tradition der Euro.

Das Stabilitätsideal, das unsere Politiker für die neue Währung formuliert haben, schließt an diese Erfahrungen an. Doch es ist erstaunlich, daß diese Sorge spezifisch historisch begründet ist, während in Staaten, die vor dem Hintergrund der letzten fünf Jahrzehnte mehr Grund haben müßten, auf die Bewahrung der Kaufkraft zu achten, dieses Argument keine Rolle spielt. Im übrigen Europa glaubt man an das Repertoire möglicher Zukünfte. Die Deutschen aber reduzieren es auf eine Alternative: schlechtes oder gutes Geld.

Der Kursverfall gegenüber dem Dollar hat dementsprechend nur in Deutschland geradezu hysterische Reaktionen hervorgerufen. Es scheint, als solle sich mit der Umstellung von D-Mark auf Euro das Greshamsche Gesetz, daß das gute Geld immer vom schlechten verdrängt werde, nun auf neue Art bestätigen. Doch man muß heraus aus einer wertbezogenen Geldbetrachtung. Denn es geht bei der monetären Revolution des Euro nicht um eine Teilung in schlechtes und gutes Geld, die daran festzumachen wäre, was eine Einheit der alten und der neuen Währung jeweils wert sind. Gresham formulierte seine Regel vor dem Hintergrund des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Münzbetrugs: Die Reduzierung des Edelmetallanteils in neugeprägten Münzen führte dazu, daß das alte Geld von seinen Besitzern gehortet wurde, so daß die neuen schlechteren Stücke bald allein im Umlauf waren. Doch diese Theorie, so schön sie noch heute klingt, stammt aus vormoderner Zeit aus einer archaischen Epoche der Ökonomie, wo Geldinhaber mit Fafner noch sagen konnten: «Ich lieg und besitz. Laß mich schlafen.»

Die Chance

Was ist die Chance, die der Euro eröffnet? Er kann uns auf eine neue Stufe von monetärer Abstraktion führen, die den umgewerteten Wertvorstellungen unserer Ökonomie entspricht und deshalb zu Recht «Neue Ökonomie» genannt werden mag. Immer wieder ist in den vergangenen zwei Jahren bemängelt worden, daß die Euro-Noten und -Münzen zu spät ausgeliefert werden, daß sich niemand eine Vorstellung von dem neuen Geld machen könne. Der Vorwurf trifft zu, wenn es nur um Kontinuität geht. Doch es geht um Revolution. Das neue Geld wird um so umstürzender wirken, je fremder es bleibt.

Die «Einheitswährung» wird eine Diversifikation der Anlageformen nach sich ziehen, eine Vermögensumschichtung, die jene Wirtschaftsformen begünstigt, die man unter «Neue Ökonomie» subsumiert. Das Vertrauen in das (staatlich garantierte) Geld wird zurückgehen zugunsten des Vertrauens in das (privatwirtschaftlich garantierte) Kapital. Damit erhält das Verständnis von Kapitalismus einen neuen Akzent, den Marx bereits zu dessen zentralem Problem machen wollte, jedoch in seiner Stufenentwicklung der Ökonomie als Frage zu frühangesetzt hatte: die Verteilung. Denn Geld beruht auf seinem Umlauf. Und für Kapital wird fortan dasselbe gelten müssen, wenn es einzelne monetäre Funktionen übernimmt und die Nachfolge des Geldes antritt.

Tausch, Wertaufbewahrung und Recheneinheit haben wir als Funktionen genannt. Bislang hat Kapital bestenfalls die der Wertaufbewahrung erfüllen können. Doch im Vordergrund allen Kapitalengagements stand die Wertmehrung, die beim Geld außer in Deflationszeiten keine Rolle gespielt hat. Somit erweist sich das auf Wachstum ausgerichtete Kapital als angemessene Form für den gewandelten Begriff von Wert. Mit der Verschmelzung von Geld und Kapital werden beide Begriffe verändert, aber nur das Geld so sehr, daß man von seinem Untergang sprechen kann. Kapital muß fungibel werden. Das ist dank der völligen Neustrukturierung des Börsengeschäfts im vergangenen Jahrzehnt kein prinzipielles Problem mehr. Geld dagegen müßte sich vom Stabilitätsprinzip lösen und seinerseits als Investition betrachtet werden.