«Leit-Währungen - Leitfaden der Geschichte»

Geld und Zeit I: Genese des modernen Geldes

 zurück

 

Geld wird erst zu Geld

Geld kommt nicht als das Geld zur Welt, mit dem wir heute umgehen, sondern es wird dazu. Und zwar wird es dazu nicht etwa in einer notwendigen, quasi natürlichen Entwicklung, nicht so, dass es sich aus einfachen Anfängen heraus nur immer weiter hätten entfalten müssen, bis es schließlich so komplex geworden wäre wie unser heutiges Geld. Die frühen Formen von Geld, und das heißt: die Zahlungen und Käufe, die mit Münzen, aber immer auch parallel mit anderen Dingen zu tätigen waren, sind ein in sich völlig stabiles Phänomen. Sie haben keinen Zug zur Fortentwicklung, kennen nicht die Notwendigkeit zur Veränderung, da sie grundsätzlich nur Teil eines Wirtschaftens waren, das auf etwas anderem beruhte als auf Geld, Kauf und Handel. Sie waren stets nachgeordneter Teil einer Versorgung, die sonst hauptsächlich über Selbstversorgung, über Teilung oder über Sammlung und Wiederverteilung der Güter durch die Mächtigen verlief.

Das entscheidende 16. Jahrhundert

Dabei blieb es über Jahrhunderte. Erst eine spezielle historische Konstellation in Westeuropa macht dem im Lauf des 16. Jahrhunderts ein Ende – und zunächst allein dort. Sie treibt die frühere Geldverwendung über sich hinaus zu einem Wirtschaften, das nun zu „der Wirtschaft“ wird, wie wir sie heute nennen, zu einem eigenen gesellschaftlichen Funktionsbereich. Es ist die kapitalistische Wirtschaft, in der die Versorgung tatsächlich in der Hauptsache über Geld verläuft. Und dies ist eine Art der Wirtschaft, die jene Länder, in denen sie aufgekommen ist, nachgerade dazu zwingt, sie alsbald mit viel Gewalt in die Welt zu tragen – mit dem entsprechenden Erfolg: der kapitalistischen Weltwirtschaft von heute.

Fokus Geldwert

Diese Art Wirtschaft ist zum ersten Mal ein blind sich vollziehendes System: Alles, was sie erfasst, wird darin als Geldwert über einen Markt vermittelt. Das heißt, dass die Hauptsache dessen, was die Menschen tun und wovon sie leben, von diesem Geldwert abhängt. Die Menschen bestimmen nicht von sich aus darüber, sondern werden darin bestimmt: von systemischen Imperativen, die das Geld vorgibt. Diese Abhängigkeit, da sie alles Wirtschaften und alle Versorgung betrifft, ist sehr umfassend. Gerade das aber treibt die Menschen dazu, sie zu verklären und dem System, von dem sie abhängen, seine positive Vernunft zuzuschreiben: als ob sie selbst sich mit Vernunft dafür entschieden hätten – statt in Wahrheit einer historisch blind entstandenen Abhängigkeit zu folgen. Gerade weil es als blindes System einer solchen Vernunft entbehrt, wird es verklärt zu einem Versprechen. Unermüdlich wird beschworen, das System würde als Markt mit unsichtbarer Hand Ausgleich schaffen zwischen den gegensätzlichsten Tendenzen und Interessen. So aber wird überblendet, was sich längst immer deutlicher zeigt: dass dieses System die Gegensätze, die es auszugleichen verspricht, nicht nur nicht ausgleicht, sondern überhaupt erst schafft.