«Archaische Zahlungsmittel»

Augsburgs Steuerlisten als wirtschafts- und sozialgeschichtliches Zeugnis: Verarmung, Pest und Niedergang der einst reichen Handelsmetropole im Dreißigjährigen Krieg

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Krieg kostet nicht nur Menschenleben, sondern auch Geld. Dieser Podcast zeigt am Beispiel von Augsburg, wie eine reiche Stadt im 30-jährigen Krieg verarmte, obwohl sie kein einziges Mal erobert wurde.


Begleiten Sie uns auf unserer Reise durch die Welt des Geldes. Heute machen wir Halt in der süddeutschen Reichsstadt Augsburg. Wir befinden uns im Jahr 1641 nach Christus.

 

Die mächtige Reichsstadt Augsburg gehörte zu den wohlhabendsten Metropolen des römischen Reichs.

 

Wie stolz waren die Augsburger auf ihre prachtvollen Kirchen und auf all die städtischen Bauten!

 

Zwischen 1612 und 1618, also noch kurz vor dem 30jährigen Krieg, hatten die Bürger viel Geld investiert, um sich das schönste Rathaus in Süddeutschland zu leisten. Und weil sie gerade am Umbauen waren, investierten sie dazu in einen außergewöhnlichen Turm.

 

70 Meter hoch war der frisch aufgestockte Perlachturm. Er diente als Wachturm. Von hier aus hielt ein Turmwächter Tag und Nacht Ausschau nach Feuer und nach Feinden.

 

Er hütete den Reichtum der Stadt, der sich nirgends so prachtvoll zeigte wie in dem neuen Rathaus.

 

Geld spielte bei seinem Bau keine Rolle. Wichtig war es, alle Besucher mit der Pracht zu verblüffen, die sich Augsburg leisten konnte. So gilt der goldene Saal, den der Stadtbaumeister Elias Holl schuf, heute noch als einer der schönsten Innenräume der süddeutschen Renaissance.

 

Leisten konnte man sich das in Augsburg, denn die Stadt war reich, sehr reich. Der Handel hatte Augsburg zu einer der reichsten Städte in Deutschland gemacht. Da gab es das Handelsgeschlecht der Fugger, da gab es die Welser, da gab es die Endorfer und die Rehlinger und noch viele, viele mehr.

 

Wir können abschätzen, über wie viel Geld Augsburg verfügt haben muss, weil wir einzelne Steuerlisten kennen. Sie verraten uns, dass im Jahr 1618 die 10 reichsten Familien über 500 Gulden Steuern bezahlten. Das war unglaublich viel. Dazu kamen noch 118 sehr wohlhabende Familien, die dem Fiskus jährlich zwischen 100 und 500 Gulden ablieferten.

 

Immerhin noch ziemlich begütert waren die 1717 Familien, die mindestens einen Gulden zahlten. Zu ihnen zählten zum Beispiel die berühmten Augsburger Goldschmiede, die Waffenschmiede, die Buchdrucker. Sie alle brauchten sich keine Sorgen um ihr tägliches Brot zu machen.

 

Das war bei drei Viertel der Bevölkerung anders. Sie vegetierten am Existenzminimum. Doch selbst ihnen ging es noch verhältnismäßig gut. Denn die städtische Wohlfahrt sorgte für den Lebensunterhalt von etwa 5000 Personen.

 

Die Zahlen stammen aus dem Jahr 1618. Das war das Jahr, in dem der große Krieg ausbrach. Augsburg hatte vorgesorgt und sich ein teures Schanzwerk geleistet.

 

Das ganze Stadtgebiet war aufwändig mit den modernsten Festungsbauten geschützt. Und tatsächlich wurde Augsburg nie gestürmt und erobert. Doch gegen die Begleiterscheinungen des Krieges boten selbst die dicksten Mauern keinen Schutz. Es kamen die Lebensmittelteuerung, die Inflation, der Niedergang des Handels. Es kam die Pest. Und es kamen die Kontributionen.

 

Der Kaiser forderte von seinen Reichsstädten hohe Beiträge zu den Kriegskosten. Und er zwang die Augsburger, wieder katholisch zu werden. Dabei stellten die Protestanten einen großen und wirtschaftlich einflussreichen Teil der Bevölkerung dar.

 

Deshalb wurde der schwedische König Gustav Adolf begeistert von den Protestanten der Stadt empfangen, als er 1632 das Heer der Katholiken vor Augsburg vertrieben hatte.

 

Ein festlicher Gottesdienst wurde abgehalten. Die Bürgerschaft sang das Te Deum und leistete dem schwedischen König einen Treueeid. Doch der war damit nicht zufrieden. Er verlangte von der Stadt eine monatliche Kontribution von 30.000 Gulden. Das war aufs Jahr gerechnet fast das Fünffache des normalen Steueraufkommens. Und durch den Krieg war das Steueraufkommen stark zurückgegangen!

 

Es war eine schwere Zeit für die Stadt. Sie kostete nicht nur Geld, sondern viele auch das Leben. Zählten die Stadtväter vor dem Krieg noch 8.438 Haushalte, existierten am Ende des 30jährigen Krieges nur noch halb so viele Familien.

 

Die meisten Opfer hatte es unter den Armen gegeben. Fast alle waren an Hunger oder einer Seuche gestorben. Dazu waren viele der ehemals Wohlhabenden in die Gruppe der Habenichtse abgerutscht oder lebten in prekären Verhältnissen am Rande des Existenzminimums. Auf Hilfe konnten sie nicht rechnen.

 

Denn die Reichen hatten aufgehört, die Armen der Stadt zu unterstützen. Superreiche gab es nicht mehr. Und die wenigen noch wohlhabenden Familien konnten und wollten ihr geschrumpftes Vermögen nicht für den Unterhalt der Armen aufwenden.

 

Sieg oder Niederlage, Augsburg war es gleich. Jeder Frieden war besser als eine Verlängerung des Krieges. Als 1648 der Westfälische Frieden zustande kam, war es wie eine Erlösung.

 

Doch seinen Status als das wichtigste Handelszentrum in Süddeutschland hatte Augsburg durch den 30jährigen Krieg verloren.