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Geld und Zeit

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„Zeit ist Geld!“ So allgegenwärtig dieser Spruch, so falsch ist er. Im Umkehrschluss müsste Geld ja gleich Zeit sein. Nun kann man argumentieren, dass Geld gewissermaßen Zeit ist, die man in Arbeit investiert hat und als Geld ausgezahlt bekommen hat. Jeder Angestellte stellt da so seine eigene Rechnung auf, ob sein Arbeitsgeber die täglich am Arbeitsplatz verbrachte Zeit auch angemessen in Geld umrechnet. Soweit so gut. Aber: Wir können für Geld keine Lebenszeit kaufen und wir können Zeit nicht wie Geld für die Zukunft sparen.

Besser als jede wissenschaftliche Analyse zeigt Michael Endes Buch „Momo“, wie absurd die Vorstellung ist, Zeit anzusparen. Ich arbeite heute mehr und habe dafür morgen mehr Zeit. Natürlich können wir uns so ein Sabbatjahr „ersparen“. Doch wer weiß schon, ob er das Rentenalter, für das er sich vielleicht abschuftet, überhaupt erleben wird. Von dieser zwanghaften Hoffnung der Menschen leben die grauen Herren in „Momo“, die Agenten der „Zeitsparkasse“.

Dies alles ist nur möglich, weil Geld heute unsere gesamte Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben formt. Das war aber nicht immer so. Auch die Vorstellung, Rhythmus werde ausschließlich durch den Takt vorgegeben, erscheint uns heute völlig natürlich. Darüber müssen wir gar nicht mehr nachdenken. Doch der Literaturwissenschaftler Eske Bockelmann konnte zeigen, dass diese Dominanz des Taktes in derselben Epoche entstand wie unser „modernes“ Geld, nämlich erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Die Frage, welche Rolle wir dem Geld in unserer Welt zuweisen, lässt sich nicht lösen von der Frage, wie wir Zeit begreifen. Seit Einstein wissen wir, dass Zeit nicht absolut ist. Zeit ist relativ. Und haben wir erst den Absolutheitsanspruch an die Zeit aufgegeben, können wir auch entspannter mit anderen Zeitvorstellungen umgehen. Wieso muss Zeit „verfließen“? Das tut sie nur, solange wir sie als linearen Strom begreifen. Zyklische Vorstellungen, wie sie in Asien und bei vielen sogenannten Naturvölkern vorherrschen, denken in immer wiederkehrenden Kategorien: Ist ein Frühling vergangen, wird ein anderer kommen. Ist die Sonne untergegangen, wird sie wieder aufgehen. Die moderne Geldwirtschaft hat uns mit ihrem Optimierungs- und Wachstumswahn immer weiter von diesen Vorstellungen entfernt, die letztlich an unsere natürliche Umgebung gebunden sind.

Nicht ohne Grund sind Achtsamkeit und Entschleunigung, Stressreduktion und Meditation im Mainstreambewusstsein angelangt. Die moderne Welt passt nicht wirklich zu dem Menschen, wie er sich evolutiv entwickelt hat. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Europäer haben Uhren, Afrikaner haben Zeit.“ Wenn wir die Rolex gegen Gelassenheit austauschen, merken wir, dass Zeit und Geld keine beliebig austauschbaren Güter sind. Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich. Doch die Voraussetzung dafür, sich Zeit nehmen zu können, liegt in unserer Vorstellung von Geld und Wirtschaft.

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